® OEI Regensburg, Stadtarchiv Regensburg

Projekt des Osteuropa-Instituts und des Stadtarchivs Regensburg
Migration und Memoria: Die Zuwanderung nach Regensburg seit 1945.




Unter Migration wird im Allgemeinen die Wanderung von Personen im regionalen und grenzüberschreitenden Bereich verstanden. Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Theorien beschäftigt sich mit diesem Phänomen. So erklärt das Push-Pull-Modell Migration durch positive und negative Faktoren in den Heimat- und Sendeländern, das Kapital- orientierte Entwicklungsmodell des Zentrum-Peripherie-Ansatzes fokussiert auf der Sogwirkung der zentralen Region, die in der Peripherie Arbeitskräfte freisetzt; das Modell der Kettenwanderung begreift Migration durch die Nutzung bestehender Migration-Netzwerke als einen dynamischen Vorgang.
Die Erklärung von Zuwanderung in eine bestimmte Region und Abwanderung aus ihr lässt sich unter dem Blickwinkel der Soziologie, der Ökonomie und nicht zuletzt der Geschichte auch als multidisziplinärer Ansatz fassen. Im vorliegenden werden mit insbesondere historiographischen Methoden Migrationbewegungen nach Regensburg untersucht, die das Leben in der Stadt nach 1945 prägten. Es sollen dabei sowohl bleibende wie auch vorübergehende Erscheinungen im Mittelpunkt stehen. Die zugrunde liegende Hypothese ist, dass für Regensburg im gesetzten Zeitintervall, vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die unmittelbare Gegenwart, die Zuwanderung aus Ostmitte- und Süosteuroa bestimmend und in vielerlei Hinsicht prägend gewesen sei. An Zuwanderungsgruppen, die in Regensburg manifest wurden, sind zu unterscheiden: Zunächst die während des Zweiten Weltkrieges verschleppten Zwangsarbeiter aus Russland, Weißrussland, der Ukraine, Polen usw., von denen manche nach Kriegsende noch eine Zeit lang in Regensburg verblieben und dann wieder in ihre Heimat zurückkehrten, manche aber ganz blieben. Anschließend waren es die aus den östlichen Gebieten vertriebenen Deutschen, die in Regensburg eine neue Heimat fanden, weiter in kleinerer Zahl Emigranten aus kommunistischen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg, die aus politischen Gründen während des Kalten Krieges ihre Heimat verließen, dann Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus der Türkei, aus Griechenland (wie auch aus westlichen Ländern), Bürgerkriegsflüchtlinge aus Südosteuropa und schließlich die in der Gegenwart zuwandernden Deutschen aus Russland und jüdischen Kontingent-Zuwanderer.
Zu den Fragestellungen, die im Projekt entwickelt werden, gehört eine diachrone statistische Erhebung zu den Migranten in Regensburg, die Frage ihrer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Integration, dann eine Analyse, inwiefern die jeweiligen Zuwanderer das Stadtbild prägten - durch die Anlage neuer Siedlungen, Straßen, wirtschaftlicher Betriebe, Läden usw. -, außerdem die Frage der Interkulturalität: Bestanden Berührungspunkte innerhalb der aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen stammenden Migranten und hatte dies Einflüsse auf das städtische Leben? Wie perzipier(t)en Migranten ihr neues Umfeld? Insgesamt soll dabei der Interaktion zwischen Stadt und Zuwanderer die perspektivische Priorität eingeräumt werden. Insgesamt lassen sich aus der auf Regensburg fokussierten Untersuchung Rückschlüsse auf die Dynamik des Prozesses der Zuwanderung und Integration innerhalb des städtischen Milieus sowie Erkenntnisse für die Orientierungs- und Handlungsmöglichkeiten einer städtischen Gesellschaft bezüglich unterschiedlicher Zuwanderungstypen ziehen. Grundlegendes Quellenmaterial liefern die Bestände des Stadtarchivs Regensburg, des Staatsarchivs Amberg, des Bayerischen Hauptsstaatsarchivs, aber auch örtliche Zeitungen sowie die geplante Befragung von Betroffenen als Zeitzeugen. Das Projekt baut auf vorhergehenden Studien und auf laufende Untersuchungen des Stadtarchivs auf, die sich zum einen mit der Problematik der nationalsozialistischen Zwangsarbeit und der so genannten heimatlosen Ausländer, ferner mit der Entwicklung der Stadt in den fünfziger Jahren befassen. Komparativ lassen sich schließlich die Forschungsergebnisse aus anderen Städten heranziehen.
Erkenntnisse aus der unmittelbaren Vergangenheit ermöglichen Rückschlüsse auf den sozial-politischen Alltag und lassen die aktuelle Diskussion über Integration von Ausländern in Regensburg verwissenschaftlichen. Im Vordergrund steht hier das Paradoxon der modernen Welt, der Mensch solle einerseits räumlich mobil - flexibel - werden, auf der anderen Seite wird Migration aber von der aufnehmenden Gesellschaft oftmals als Bedrohung empfunden. Damit ist Migration ein Vorgang, der in der modernen Geschichte permanent anzutreffen ist, in ihrer Wahrnehmung immer auch ambivalent.


zurück